Psychologische Rundschau © 2001 Hogrefe-Verlag Göttingen
Juli 2001 Vol. 52, No. 3, 166-167 For personal use only--not for distribution

doi: 10.1026//0033-3042.52.3.166
Kommentare

Phänomenales Erleben ist keine physikalische Größe

Kommentar zu Windmann und Durstewitz (2000)

Christian Kaernbach



Windmann und Durstewitz (2000a) verdeutlichen in klarer und übersichtlicher Darstellung ein Problem der Bewußtseinsforschung: phänomenales Erleben läßt sich nicht operationalisieren, ist nicht mit den erzeugenden neuronalen Zuständen identisch, und erscheint für überlebensorientiertes Verhalten verzichtbar. Unter der Überschrift "Lösungen, die keine sind" werden sechs verschiedene Lösungsvorschläge diskutiert und deren Problematik aus Sicht der Autoren aufgezeigt, u.a. das Leugnen des phänomenalen Erlebens oder die Annahme der Identität von neuronalen Zuständen und phänomenalem Erleben. In ihren Schlußfolgerungen plädieren Windmann und Durstewitz dafür, dieses Problem nicht zu ignorieren oder zu leugnen. Als ersten Schritt einer Lösung schlagen sie vor, Bewußtsein als real existierende, physikalische Eigenschaft natürlicher Nervensysteme anzuerkennen, obwohl es derzeit nicht meßbar und nicht erklärbar sei.

Dem Plädoyer, phänomenales Erleben nicht zu leugnen oder als Epiphänomen abzutun, möchte ich mich mit ganzem Herzen anschließen. Das von den Autoren sogenannte "schwierige" Problem am Bewußtsein erhält die Spannung in der Kognitionswissenschaft, oder wie Windmann und Durstewitz sich ausdrücken: es fasziniert und beunruhigt zugleich.

Der Lösungsansatz der Autoren, ein unerklärliches Phänomen auf vorläufig unbekannte physikalische Vorgänge oder Substrate zurückzuführen, hat eine lange Tradition. Man könnte die Röntgenstrahlen anführen, von Röntgen selbst als X-Strahlen bezeichnet, was seine Not damit ausdrückt, Strahlen postulieren zu müssen, die man direkt nicht beobachten kann und deren Herkunft ihm noch unklar war. Windmann und Durstewitz beziehen sich auf das Beispiel der Elektrizität, deren Name sich vom Bernstein und seinem unerklärlichen Anziehungsverhalten ableitet. Man sollte allerdings neben Erfolgen eines solchen Vorgehens nicht die Mißerfolge übersehen: so wurde die Vorstellung eines Äthers als Medium der Weiterleitung des Lichts als unhaltbar fallengelassen. Insgesamt gesehen jedoch hat diese Strategie die Physik weitergebracht. Könnte sie auch im Falle der Kognitionswissenschaft fruchtbar sein?

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den angesprochenen physikalischen Themen und den Fragestellungen der Kognitionswissenschaft darf nicht übersehen werden. Die in der Physik zur Erklärung anstehenden Probleme spielen sich auf einer elementaren Ebene ab: Elektrizität und Röntgenstrahlung werden durch sogenannte Elementarteilchen vermittelt, durch Elektronen und Photonen. Damit soll nicht gesagt werden, daß es sich um einfache Fragestellungen handelt. Im Gegenteil: Die Untersuchung dieser elementaren Zusammenhänge belegt im Forschungsbudget der meisten Staaten die größten Summen. Bezogen auf die Komplexität der beteiligten Materiestrukturen und der sich darin abspielenden funktionellen Abläufe hingegen befindet sich die Elementarteilchenforschung am einen Extrem der Komplexitätsskala, und die Kognitionswissenschaft am anderen Extrem. Es erscheint fraglich, ob bei hochgradig komplexen Phänomenen diese aus der Elementarteilchenphysik entlehnten Substratvorstellungen fruchtbar sind.

Ein Beispiel aus der Geschichte der Theorie der Elektrizität möge dies verdeutlichen: Die von Gilbert im Jahre 1600 fälschlich vorgenommene Unterscheidung in vis electrica und vis magnetica wurde erst 1820 durch ein Experiment von Oerstedt aufgehoben, das die Ablenkung einer Magnetnadel durch fließenden Strom demonstrierte. Wenn bei einem so elementaren Phänomen wie der Elektrizität die Frage nach einer einheitlichen oder zwei getrennten Kräften lange nicht geklärt werden konnte, woher nimmt man dann den Optimismus, für das hochkomplexe Phänomen des phänomenalen Erlebens eine einzige einheitliche physikalische Größe oder Eigenschaft anzunehmen? Wären nicht hunderte oder gar Millionen physikalischer Größen zu erwarten? Dient es aber noch der Einfachheit einer Theorie, so viele unbekannte physikalische Größen anzunehmen? Diese Fragen stelle ich hier nur rhetorisch, denn man muß sich ja keineswegs der Vorstellung anschließen, daß es solche physikalische Größen überhaupt gibt. Sie stehen auch nur beispielhaft für die Vielfalt an schwierigen Fragen, die ein solcher Ansatz aufwirft, bevor er eine einzige Frage beantwortet.

Abgesehen von den dargelegten Schwierigkeiten halte ich diesen Ansatz unter Voraussetzung der von Windmann und Durstewitz aufgestellten Prämissen für inkonsequent. Sie unterstellen, daß es möglich sei, daß ein und derselbe Vorgang mit oder ohne phänomenales Erleben ablaufe (z.B. S. 78: "Ein Organismus, der bei einer Gewebeschädigung Schmerzen empfindet und schreit, um Hilfe herbeizurufen, verhält sich aus evolutionsbiologischer Sicht nicht adaptiver als ein Organismus, der in derselben Weise reagiert, ohne dabei Schmerz zu empfinden"). Auch in ihrer Erwiderung (Windmann und Durstewitz, 2000b) auf Vitouch (2000) führen sie aus, ein und derselbe biophysikalisch festgelegte Prozeß könne einerseits qualitativ erlebt werden, andererseits auch ohne qualitatives Erleben vorgestellt werden (S. 217). Wenn es den bisherigen Parametern biophysikalischer Festlegungen nicht gelingt, phänomenales Erleben zu erklären, warum sollte ein neuer, noch unbekannter, aber physikalischer Parameter von der Bedeutung der vis electrica für die Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts dies besser können? Oder andersherum: wenn ein derartiger neuer physikalischer Parameter für das phänomenale Erleben verantwortlich sein soll, warum könnte es dann nicht genauso gut einer der wohlbekannten biophysikalischen Faktoren sein, dem diese Funktion nur noch nicht, oder noch nicht allgemein anerkannt, zugeordnet wird? In beiden Fällen wäre es nach einer entsprechenden Erweiterung der biophysikalischen Beschreibung unmöglich, sich einen so charakterisierten Prozeß einmal mit und einmal ohne phänomenales Erleben vorzustellen.

Windmann und Durstewitz scheinen fest davon auszugehen, daß das phänomenale Erleben eine physikalische, an Energie gekoppelte Größe ist. Das zeigt sich daran, daß sie annehmen, die Energieerhaltung sei verletzt, wenn Qualia zwar erzeugt würden, aber selbst energetisch unwirksam seien (S. 79). Diese Annahme teile ich nicht. Nur mit dieser Annahme ist die Hoffnung auf ein Bewußtseinsthermometer verständlich, welches man bräuchte, um einem System per objektiver Messung von außen phänomenales Erleben zu- oder abschreiben, wie in dem Falle des Organismus, der nach Gewebeschädigung schreit, einmal mit und einmal ohne Schmerzen. Mir erscheint es naiv, sich ein physikalisches Meßinstrument für Geist vorzustellen, das per Zeigerausschlag anzeigen kann, ob ein Organismus "kalt" Licht von der Wellenlänge 650 nm oder "heiß" Licht der Farbe "rot" wahrnimmt. Natürlich gibt es Apparaturen, die die zugrunde liegenden neuronalen Prozesse vermessen. Aber diese sind ja laut Windmann und Durstewitz und auch in meiner eigenen Auffassung nicht identisch mit dem phänomenalen Erleben. Es ist der Wesenszug subjektiver Erfahrung, daß sie sich als solche nicht objektivieren läßt (wohl aber zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Theorie werden kann in Form theoretischer Konstrukte, die der Objektivierung zugänglich sind).

Damit soll nicht gesagt werden, daß es Versuche, des Geistes physikalisch habhaft zu werden, nicht schon gegeben hat. Bekannt ist der Versuch von Friedrich II., die dem Sterbenden entweichende Seele mit einem Sack einfangen zu lassen, wenn sie aus einer kleinen Öffnung in einem Bleisarg herauskomme. In neuerer Zeit haben neovitalistische Ausformungen alter vitalistischer Theorien an den Äther erinnernde Substrate (z.B. Orgon) postuliert, die Leben und psychische Prozesse ermöglichen oder überhöhen sollen. Solche Theorien sind unplausibel, da der Erklärungsansatz simplizistisch erscheint in Anbetracht der Komplexität des zu erklärenden Phänomens. Was wenn man das Substrat fände? Man würde genauso wenig wissen, wie durch dieses Substrat das Leben oder die psychischen Prozesse im einzelnen ermöglicht werden. Windmann und Durstewitz werden sich sicherlich nicht in die Reihe solcher Substrattheorien einreihen wollen. Leider läßt ihr Ansatz aber nicht erkennen, wie sie sich davon abgrenzen wollen.

Es ist schon eine spannende Frage, wie eine physikalisch nicht faßbare Entität wie Bewußtsein mit physikalischen Größen interagiert. Sie wird nicht langweiliger, wenn wir die Möglichkeit einräumen, daß sie vielleicht nie mit naturwissenschaftlichen Mitteln beantwortet werden kann. Es hieße, die Naturwissenschaften maßlos überschätzen, wollte man ihnen zumuten, jede interessante Frage beantworten zu können. Das geflügelte Wort ignoramus - ignorabimus geht auf Du Bois-Reymond und seine 1872 in Leipzig gehaltenen Rede "Über die Grenzen des Naturerkennens" zurück und bezog sich darauf, wie Materie zu denken vermöge. Vielleicht müssen wir mit der von der Bewußtseinsfrage ausgelösten Faszination und Beunruhigung leben.

Literatur

Vitouch, O. (2000). "Erleben - cui bono?" Zum evolutionären Nutzen von Bewußtsein. Kommentar zu Windmann und Durstewitz (2000).. Psychologische Rundschau, 51, 213-215.
Windmann, S. & Durstewitz, D. (2000a). Phänomenales Erleben: Ein fundamentales Problem für die Psychologie und die Neurowissenschaften.. Psychologische Rundschau, 51, 75-82.
Windmann, S. & Durstewitz, D. (2000b). Warum Evolution nicht auf qualitativem Erleben operieren kann.. Psychologische Rundschau, 51, 216-217.

Anschrift

Christian Kaernbach, Institut für Allgemeine Psychologie, Universität Leipzig, Seeburgstr. 14-20, D-04103 Leipzig, Deutschland.
[CK 2006: Aktuelle Adresse: Institut für Psychologie, Christian-Albrechts-Universität Kiel, Olshausenstr. 62, D-24098 Kiel, Deutschland. Internet: www.psychologie.uni-kiel.de/emotion/]