Allgemeine I und Biologische Psychologie: Allgemeine I

Herr K. schlug nach einer Mücke

Herr K. schlug nach einer Mücke. Er traf sie nicht. Dies veranlaßte ihn zu folgender Überlegung: "Wieso konnte die Mücke mir entkommen? Ich habe doch wirklich schnell zugeschlagen. Sie hat sich aber so schnell und geschickt aus dem Zielgebiet entfernt, daß ich meine Schlagbewegung nicht mehr anpassen konnte.

Mücken gibt es schon seit 400 Millionen Jahren. Als sie sich entwickelten, hat niemand nach ihnen geschlagen. Nun gut, vor 40 Millionen Jahren begannen Pferde und Elefanten, mit dem Schwanz zu wedeln, um Insekten zu verscheuchen. Aber gezielt nach ihnen schlagen? Mückenmord ist ein neuzeitliches Phänomen. Vor 6 Millionen Jahren begannen die ersten Trockennasenaffen, aufrecht zu gehen. Die hatten also die Hände frei, um gezielt nach Mücken zu schlagen. Aber warum sollten sie? In der freien Natur ist es kaum hilfreich, eine einzelne Mücke zu erschlagen. Man kann sie verscheuchen, oder sich bekleiden. Erst das Aufkommen geschlossener Räume, in denen man sich leichter kleiden konnte und doch keine Stiche fürchten wollte, bot den Anlaß für den gezielten Mückenmord. Vor 20.000 Jahren wurden die ersten Häuser gebaut. Seither schlagen Menschen gezielt nach Mücken. Im Vergleich zum gesamten Lebensraum der Mücken machen geschlossene Räume einen verschwindend geringen Anteil aus, auch wenn es uns in einem Haus am See manchmal anders vorkommen mag. Es besteht auch heute kaum ein evolutionärer Selektionsdruck, um der Mücke die Fähigkeit zu verleihen, gezielten Schlägen auszuweichen, und der geringe Selektionsdruck, der derzeit besteht, existiert seit einer im Vergleich zur evolutionären Geschichte dieses Insektes verschwindend geringen Zeitspanne. Wieso also kann die Mücke etwas, was sie nicht können muß?

Aber ist es nicht so ähnlich mit der Musik? Wieso können wir Menschen musizieren? Einen evolutionären Selektionsdruck kann man hier wohl kaum konstruieren. Gut, das Bedürfnis, sich in Gruppen rhythmisch zu bewegen, mag dem Zusammenhalt der Gruppe förderlich sein und damit einen evolutionären Hintergrund haben. Aber dafür hätten primitive Schlaginstrumente ausgereicht. Für eine Fuge gab es keinen Evolutionsdruck. Das zeigt sich auch daran, daß Musik erst relativ spät aufkam, vielleicht vor 60.000 Jahren, während das genetische Potential des Menschen schon Millionen von Jahren bestand.

Habe ich nicht kürzlich gelesen, daß schon Seeanemonen in ihrem Erbgut Informationen tragen, die später zum Aufbau viel komplexerer Strukturen wie den Wirbeltieren geführt haben? Vielleicht ist das Entstehen von Wirbeltieren nicht äußeren Einflüssen geschuldet, so daß je nach Situation auch etwas ganz anderes hätte herauskommen können. Vielleicht folgte die Entstehung der Wirbeltiere vielmehr einer inneren Notwendigkeit, und Lebewesen auf anderen Planeten mit anderen Umweltbedingungen, wenn wir denn je mit ihnen in Verbindung treten könnten, würden zwar überraschend anders, aber zum Teil auch überraschend ähnlich sein. Vielleicht würden sie musizieren. Vielleicht wäre ihre Sprache einer Grammatik unterworfen, die unserer Grammatik teilweise ähnlich ist.

Mein Freund M. meint, es gälte, die denknotwendigen Konzepte zu finden, nach denen sich Sprache strukturiert, nach denen sich aber auch die Gehirne der Menschen so ordnen, daß sie diese Sprache sprechen und verstehen. Das gleiche wäre für die Musik zu leisten. Und so wie es vielleicht auch notwendig waltende Ordnungsprinzipien beim Aufbau der Gewebetiere gibt, die zwangsläufig auf Wirbeltiere hinauslaufen, so gibt es vielleicht auch eine zwangsläufige Grammatik des Mückenflugs. Das Konzept des Fliegens läßt keine andere Lösung stabil existieren, als die, die zugleich einem gezielten Schlag auszuweichen erlaubt."

Derart intensiv hatte Herr K. sich in die Implikationen der geglückten Flucht der Mücke vertieft, daß er ihre erneute Annäherung nicht wahrnahm. Ihr Stich rief ihn unwiederbringlich aus seinen Reflexionen, und in einer angesichts der Tiefe dieser Reflexionen völlig überraschenden Erregung und Rachlust und trotz der offensichtlichen und seines Intellekts nicht würdigen Sinnlosigkeit dieses zu spät erfolgenden Unterfangens konzentrierte er im folgenden seine ganzen körperlichen und geistigen Kräfte auf den nachträglichen Mückenmord.

- Christian Kaernbach -

 

Jupiter, bei Licht betrachtet

Endlich waren alle von ihm bestellten Teile eingetroffen. Sorgfältig reinigte er die Hauptlinse. Es war wichtig, keine Fingerabdrücke darauf zu hinterlassen. Das war schwierig, insbesondere, wenn es galt, die Linse vorne auf das Rohr zu setzen und den Klemmring einzuführen. Aber er fand heraus, daß er beim Zusammensetzen des Fernrohrs Handschuhe tragen mußte, dann ging es.

Gleich würde er sein funkelnagelneues Fernrohr auf diesen hellen Punkt am Himmel richten. Er war der erste Mensch, der ein Fernrohr auf den Nachthimmel richtete. Als erstes Beobachtungsobjekt hatte er sich den Jupiter ausgedacht. Der Jupiter war schon seit dem Altertum bekannt, sicher sogar schon früher, nur hatte er davon kein Zeugnis. Aber was wußte man schon über den Jupiter? Sicher, er schien näher zu sein als die Sterne, denn er hatte je nach Beobachtungsort auf der Erde eine leicht veränderte Position am Sternenhimmel, und aus dieser Parallaxe folgte, daß er vor dem Fixsternhimmel seine Bahnen ziehen mußte. Aber was genau war der Jupiter? Gleich würde er sein Fernrohr auf ihn richten, und dann wüßte er mehr.

Halt! Nicht so schnell! Ein sorgfältiger Wissenschaftler würde nicht einfach durch das Fernrohr schauen. Vorher mußte er Hypothesen formulieren. Ohne solche Hypothesen lief man Gefahr, sich nachträglich Erklärungen für seine Untersuchungsergebnisse auszudenken, und wenn man dabei geschickt war, konnte man sich jedwedes Ergebnis zurechtbiegen. Besser war es, man hatte vorher schon aussortiert, was man eigentlich alles erwarten konnte und unter welchen Annahmen das zu erwarten sei. Dann wäre die Erklärung der letztlich vorgefundenen Befunde nicht mehr dem Verdacht ausgesetzt, man habe sich bei seiner Theoriebildung von den Ergebnissen leiten lassen. Es galt also, ein möglichst vollständiges Bild der denkbaren Ansichten, die sich ihm gleich durch das Fernrohr bieten würden, zu formulieren.

Er legte das Fernrohr aus der Hand. Von einem Stapel nahm er ein frisches Blatt Papier. So ganz hatte er sich an diese neuartige Erfindung noch nicht gewöhnt, Pergament war ihm lieber. Aber es war so teuer, und von seinem kargen Dozentengehalt konnte er sich nicht so viel Pergament leisten. Für die Reinschrift konnte er ja dann ein Pergament verwenden. Erst einmal galt es, Ideen zu sammeln und festzuhalten. Er zog die Handschuhe aus und nahm eine frisch geschnitzte Feder in die Hand. Das Tintenfaß war gut gefüllt, vorsichtig tauchte er die Spitze der Feder ein.

"Opinatio prima" ... ja, was war denn seine erste Hypothese? Ah, natürlich: der Jupiter erschien dem bloßen Auge wie ein Punkt. Und wenn man durch das Fernrohr schauen würde, was würde man sehen? Vielleicht auch nur einen Punkt. Das war sicher eine gute Ausgangshypothese. Man hätte nichts gewonnen. Oder doch? Was würde das bedeuten? Vielleicht war der Jupiter doch zu weit weg, als daß man im Fernrohr mehr als einen Punkt erkennen könnte. Oder... er war ein Punkt? Ein leuchtender Punkt... warum nicht? Was wußte man schon darüber, was da oben seine Bahnen zog? Manche meinten, die Planeten müßten Kugeln sein, wie die Erde. Aber es war sicher das Beste, als Ausgangshypothese das zu nehmen, was man auch mit bloßem Auge sah, nämlich einen Punkt. Das war sicherer, als sich gleich auf eine der vielen Theorien zu versteifen, die im Umlauf waren. Rasch schrieb er die Hypothese auf, war allerdings absichtlich etwas vage, weshalb der Jupiter denn im Fernrohr als Punkt erscheinen würde, denn wenn sich dieses Ergebnis tatsächlich einstellen würde, wäre es so enttäuschend, daß er nicht mit einer ausgiebigen Diskussion der möglichen Ursachen rechnete. Wozu also sich die Mühe machen, diesen undankbaren Fall genauestens zu durchdenken, nur um dann von jüngeren Kollegen an dieser unwichtigen Stelle angegriffen zu werden?

Gut, aber was war dann die zweitnaheliegendste Idee? Sollte er jetzt mit der Kugel kommen? Das würde ein kreisförmiges Bild ergeben. Aber es war nur eine von vielen Theorien. Es war sicherer, sich an einer Systematik der denkbaren Erscheinungen zu orientieren, dann würde sein Feld an Hypothesen umfassender, und es wäre weniger wahrscheinlich, daß er etwas im Fernrohr sehen würde, was er so nicht vorher vermutet hatte. Was könnte also nach einem Punkt das zweiteinfachste Erscheinungsbild sein? Sicher ein Strich. Nun, es gab viele Möglichkeiten, warum Jupiter wie ein Strich aussehen konnte. Er konnte zum Beispiel flach wie ein Diskus sein, und der Erde seine schmale Kante zuwenden. Oder er war stockförmig. Würde der Strich immer eine feste Ausrichtung beibehalten? Da gab es mehrere Möglichkeiten. Er konnte sich langsam, schnell, oder gar nicht drehen, Vorzugsrichtungen haben oder auch nicht, sich systematisch bewegen, oder unregelmäßig. Er sah schon: Hypothese zwei, so einfach sie war, erforderte mehrere Unterhypothesen.

Es war schon früher Morgen, und das Tageslicht dämmerte, als er endlich mit Hypothese zwei fertig war. Er hatte mehrere Möglichkeiten ausprobiert, um sich schließlich weise auf den geringstmöglichen Satz von Unterhypothesen zu beschränken, und der umfaßte seiner Meinung nach den Fall, daß der Strich stets dieselbe Ausrichtung hatte (mit den Unterfällen "Ausrichtung auf den Polarstern", "orthogonal zur Ausrichtung auf dem Polarstern", und "andere Ausrichtung"), und daß er sich bewegte (mit den Unterfällen "regelmäßig" und "unregelmäßig"). Was die Geschwindigkeit der Bewegung anging, so hielt er nur zwei Möglichkeiten fest: so schnell, daß man es mit bloßem Auge sehen konnte, oder so langsam, daß erst die Beobachtung über mehrere Tage die Bewegung offenbaren würde. Er war müde, denn schließlich hatte er sich gerade eine Nacht um die Ohren gehauen, eine Nacht, in der er eigentlich Sterne beobachten wollte. Er reinigte die Feder, legte das zuletzt beschrieben Blatt sorgfältig zum Trocknen aus, räumte noch ein wenig seinen Schreibtisch auf, und dann legte er mit einer zärtlichen und fast wehmütigen Geste das Fernrohr in sein Etui. Da war es staubfrei aufgehoben, und er würde es morgen gleich benutzen können, wenn er denn die restlichen Hypothesen aufgeschrieben hätte.

Es kam anders. Auch die nächste Nacht verbrachte er mit der Formulierung von Hypothesen. Er brauchte ziemlich lange, bis er seine dritte Hypothese formuliert hatte. Er verwarf mehrere Ansätze. Zunächst hatte er an Kombinationen aus Strichen gedacht, und wollte zum Beispiel als einfachste Kombination das Pluszeichen als eigene Unterhypothese aufführen. Er sah aber nach einiger Zeit ein, daß er sich damit keinen Gefallen getan hatte. Denn es gab so unendlich viele Möglichkeiten, Striche zu kombinieren, Striche gleicher Länge, verschiedener Länge, in rechten Winkeln oder in krummen Winkeln, mit festen Winkeln oder mit veränderlichen Winkeln, daß er alleine mit den Unterhypothesen zur Hypothese "Kombinationen von Strichen" viele Seiten hätte füllen können. Er fügte schließlich der Hypothese zwei nur eine kleine Unterhypothese an, es könne sich statt um einen einzigen Strich auch um mehrere handeln. Keine weiteren Details, das war besser so. Aber wie nun fortfahren? Dann sah er endlich Licht: ihm fiel ein, daß ein Strich als ein Zweieck angesehen werden kann. Über das gleichseitige Dreieck, das Quadrat, das regelmäßige Fünfeck und so weiter würde man den Kreis annähern. So hatte er einen natürlichen Weg gefunden, die von einigen Kollegen vermutete Kugelform des Jupiters (und das daraus folgende kreisförmige Erscheinungsbild) auf eine kanonische Art und Weise in seine Systematik der denkbaren Erscheinungsformen des Jupiters einzubauen. Das war ihm so viel lieber, als direkt auf die Kugelhypothese zu springen. Der Vorteil lag auf der Hand: Was, wenn der Jupiter tatsächlich wie ein gleichseitiges Dreieck aussehen würde? Er wäre nie von der Kugelhypothese auf die Dreieckshypothese gekommen, da war er sicher. Aber da er sein Hypothesengebäude auf einer Systematik aller denkbaren Erscheinungsformen aufbaute, konnte ihm, so wie er es nun angefangen hatte, eine derartige Unterlassung nicht geschehen. Dieser Lichtblitz der Erkenntnis bedurfte natürlich noch der Ausarbeitung. So waren neben den gleichmäßigen Polygonen auch die unregelmäßigen Polygone zu berücksichtigen, und wieder galt es, das zeitliche Verhalten der Ausrichtung zu erfassen. Auch konnte es vorkommen, daß die Zahl der Ecken sich im Zeitverlauf ändern würde. Alles mußte bedacht werden. Aber am Ende der Nacht war auf zwölf engbeschriebenen Seiten die dritte Hypothese mit allen denkbaren Unterhypothesen festgehalten. Es war wieder früher Morgen, als er die Feder aus der Hand gab, aber kein Zug des Bedauerns ob der verpaßten Sternennacht trübte diesmal sein Zufriedenheit und Ruhe ausstrahlendes Antlitz: zu offensichtlich und zu wichtig war der erzielte Fortschritt bei der Hypothesenbildung.

Inzwischen waren viele Wochen ins Land gegangen. Er hatte die ungesunde Angewohnheit, nachts zu schreiben, aufgegeben. Tags war es heller, und das half ihm beim Denken. Auch war er so ausgeruhter, und so floß munter der Strom seiner Gedanken in Seiten um Seiten engbeschriebener Ausführungen. Einmal, als er nach drei Wochen das Ganze noch einmal von vorne in Augenschein nahm, war er für einen Augenblick der Verzweiflung nahe. Denn er hatte den Eindruck, ganz wichtige Möglichkeiten, wie der Jupiter sich auch im Fernrohr zeigen könne, mit seiner Systematik nicht erfaßt zu haben, ja, was schlimmer war, so auch gar nicht erfassen zu können. An diesem Abend trank er reichlich guten Wein, um sich zu beruhigen. Er schlief fest und ruhig, bis zur Mitte der Nacht, dann sprang er auf, war hellwach, und hatte die Lösung, wie er sein System so erweitern konnte, daß es keine derartigen Auslassungen je wieder geben würde. Er schrieb zwanzig Stunden am Stück, dann legte er sich todmüde, aber glücklich wieder ins Bett. Er hatte an diesem Tag nichts gegessen und getrunken, und es hatte ihm auch nicht gefehlt.

Sein damaliger Geniestreich war sehr fruchtbar: Je weiter er mit seiner Arbeit fortschritt, um so deutlicher wurde ihm, daß er hier tatsächlich eine meisterliche Systematik der Systematiken hingelegt hatte, die nicht nur für den vorliegenden Fall, sondern auch für zukünftige Naturbeobachtungen von unschätzbarem Wert war. Er beschloß, wegen der Bedeutung dieser Grund­satz­arbeit sein Manuskript nicht auf Pergament zu schreiben, sondern zu einem Buchdrucker zu bringen. Diese neuartige Erfindung würde seiner Arbeit zu dem gebührenden Publikum verhelfen. Auf Anraten des Druckers wählte er allerdings ein Pseudonym, denn schließlich hatte er - als pure Provokation der Kirche - unter anderem auch die Hypothese eingebaut, es könne sein, daß Jupiter im Fernrohr als ein im Kriegswagen daherfahrender, Blitze schleudernder Gott erscheinen würde. Er hatte allerdings nicht geahnt, daß Buchdruck eine so zeitaufwendige Sache sein würde. Immer wieder rief ihn der Drucker hinzu, um Details der Darstellung zu klären, und das war auch gut so, denn es war ihm wichtig, daß seine Leser die Schönheit der Systematik seiner Hypothesen begreifen würden und darin auch das übergeordnete Prinzip erkennen würden, das es ihnen ermöglichen würde, ihrerseits derart schöne Hypothesengebäude zu errichten. Trotz der vielen Besuche beim Drucker hätte er jetzt genügend Zeit gehabt, nach Vollendung der Zusammenstellung der Hypothesen sein Fernrohr nachts auf den Jupiter zu richten. Aber er war ein systematischer Mensch: erst das eine zu Ende bringen, und dann, eines Nachts, mit dem frisch gedruckten Werk an seiner Seite, das Fernrohr auf den Jupiter richten. Er fieberte der Fertigstellung seines neuen Buches entgegen.

Dann, eines Tages, zeigte ihm der Drucker eine Schrift, die ihm gerade gebracht worden war. "Sidereus Nuncius", der Sternenbote, eine kleine, kurze Schrift eines unbekannten Mathematikprofessors aus Padua, berichtete von Beobachtungen, die dieser Galileo mit Hilfe eines Fernrohrs am Nachthimmel angestellt hatte. Widerlich. Ganz ohne Hypothesen, noch nicht einmal nachträglich so getan, als ob er vorher welche gehabt hätte, geschweige denn in einer separaten Schrift diese zuerst veröffentlicht, so wie er selber es zu tun im Begriff war, einfach schnöde das Rohr auf den Jupiter gerichtet. Das hätte er auch haben können. Aber so ein theoriefreies Vorgehen war unter seiner Würde. Dieser Galileo sprach von einer "Scheibe", als die sich Jupiter angeblich zeigte. Er selber hatte in seinem Hypothesengebäude diese runde Scheibe als eine Möglichkeit vorgesehen, als Endpunkt der dritten Hypothese. Das wäre sauber gewesen: erst ein derartiges Hypothesengebäude errichten, und dann den Befund "Scheibe" und somit Hypothese 3 bestätigen. Aber ganz ohne theoretische Vorarbeiten das Fernrohr auf den Jupiter zu richten, und dann von einer Scheibe zu sprechen, das konnte ja jeder. Dann war es keine Wissenschaft. Und dann wollte Galileo "Monde" gesehen haben - pah, so eine typische post hoc Erklärung. Sicher hatte Galileo vorher nie ein Wort über Monde verloren. Es fiel ihm auf, daß er gar nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, mehr als ein Objekt zu sehen. Einen Augenblick lang zweifelte er an seinem eigenen Ansatz. Seine Systematik sämtlicher denkbaren Erscheinungsbilder hatte diesen Fall nicht vorgesehen. Aber der Anflug von Zweifel dauerte nur kurz. Dann hellte sich sein Gesicht auf, und er eilte zum Drucker und diktierte diesem in den Setzkasten eine neue Seite, einzufügen nach Seite Eins, mit einer Erweiterung der sowieso etwas kurz geratenen ersten Hypothese, der Jupiter sein ein Punkt: Es konnte auch sein, daß Jupiter nicht als ein Punkt, sondern als zwei, drei oder mehrere Punkte in Erscheinung trat. Dann noch ein paar Zusatzgedanken zum zeitlichen Verhalten der Punkte, und schon war die Seite voll. Fast voll, es reichte eben noch für den Satz, daß diese Variante von Hypothese Eins im gleichen Sinne auf alle folgenden Hypothesen anzuwenden sei. Damit war elegant aus Hypothese Drei unter Anwendung von Hypothese Eins A) der von diesem Paduaner beobachtete Effekt mit erfaßt. Allerdings wollte der Drucker für diese zusätzliche Seite auch zusätzliches Geld. Er hatte gerade kein Bargeld im Haus, aber leichten Herzens gab er dem Drucker sein neues, unbenutztes Fernrohr in Zahlung. Seine Arbeiten zur Wissenschaftstheorie waren viel bedeutender als alle Erkenntnisse, die er oder auch sonst irgendeine Person mit einem wackligen Fernrohr zu nachtschlafender Zeit zu gewinnen glauben mochten. Tags war es hell, und nachts war es dunkel, ihm gefiel dieser Gedanke. Das drückte die gedankliche Überlegenheit der Wissenschaftstheorie über die nächtliche Beobachtung treffend aus. Nun hatte er endlich den Titel für sein neues Œuvre gefunden:

"Jupiter, bei Licht betrachtet"

- Christian Kaernbach -